“Second Life – mein digitaler Zwilling”

Heute auf ARD Digital EinsExtra um 23:30 Uhr.

Die Autoren des Films, Tita von Hardenberg und Alexander Dluzak, starten einen Selbstversuch. Sie nehmen eine digitale Identität an und lassen ihre digitalen Stellvertreter Kontakt mit den Bewohnern von “Second Life” und anderen Online-Welten aufnehmen. Sie geraten tief in die seltsame Welt der Simulation. Sie treffen auf einen Unternehmer, der als Geschäftsmann bei “Second Life” reales Geld verdient, eine Zeitungsredaktion, die virtuellen Boulevard macht, auf eine schwer verliebte 27-Jährige, die ihren Avatarfreund heiratet, und schließlich auf einen Psychologen, der in “Second Life” eine Klinik eröffnen will. Denn es gibt auch Opfer der schönen Illusion.

Webtipp: Filmkunst

Alexander Kluges Gelegenheitsarbeit einer Sklavin findet sich auf UbuWeb genauso wie Hans Richters Filmstudie von 1926.

Es lohnt sich, auch ab und an auf die Startseite von UbuWeb zu schauen – dort gibt es den einen oder anderen interessanten Podcast.

“YouTube und das (a)politische Moment von Netz-Communities”

Ich glaube, YouTube und das (a)politische Moment von Netz-Communities war die schlechteste Veranstaltung, auf der ich jemals war. Mich würde interessieren, was der liebe Verfasser von Das Leben der Anderen studiert hat. – Was muss man studieren, um im Anschluss, ausgestattet mit akademischen Würden, Kafka in ein pöbelhaftes Youtube-Video hineinlesen zu können? Hauptsache man sagt: ‘Das Moment, das’. Wa?

Das Moment ist der Begriff der Neue-Kunst-am-besten-mit-ein-bisschen-Undergroud-Gallerien. Wenn bei der Eröffnung einer Ausstellung nicht mindestens 5mal dieses Wort fällt, floppt die Ausstellung. Denn das Publikum dieser Gallerien, das sich aus Menschen zusammensetzt, die sich kurz vor Beginn der Vernissage noch schnell ein paar Farbklekse auf die Hände schmieren, damit auch jede/r sieht, dass es sich bei ihnen um – zu Unrecht (noch!) verkannte – KünstlerInnen handelt, weiß: das Moment ist ein Muss! Das Muss der Phrasendrescher nämlich.

Von daher hätte ich eigentlich wissen müssen, wie es um diese Veranstaltung bestellt ist. Das Moment – und dazu auch noch ein (a)politisches. Die Veranstaltung war übrigens nicht (a)politisch, sondern – wen wundert es bei Verwendung der up-to-date-Rede vom Moment – im Gegenteil a(politisch). Nix Gesellschaftskritik, nur naive Youtube-Werbung.

Hat Youtube nicht vor kurzem wieder mal Videos von Homosexuellen gelöscht? – Kein Wort. War da nicht was mit (Neo)Nazi-Propaganda? – Kein Wort.

Es war zu hören: Toll sei, dass Youtube den gesellschaftlichen Konsens berücksichtige. – Natürlich wurde ebendieser Konsens nicht hinterfragt, der sich eben immer wieder dann zeigt, wenn (nicht pornographische!) Homo-Videos gelöscht werden, während Landser-Clips an allen Youtubeecken und -enden zu finden sind. Weil erstes geht gar nicht, wohingegen bei zweitem ja nur hysterische ‘Berufsvergangenheitsbewältiger’ aufschreien, wa? – So viel zum Konsens der Mehrheit. Schön, dass wir darüber nicht geredet haben.

Die zwei Vortragenden, die zu Beginn noch meinten, mit dem Publikum in einen Dialog treten zu wollen – voll demokratisch! -, dann aber eben ganz gewöhnlich vortrugen (ist ja ok, ich will ja auch nicht, dass mir noch der hinterletzte Volltrottel demokratisch ins Wort fällt; aber dann bitte nicht zuerst was Anderes behaupten), zeigten einige (nicht besondere) Videos. Bei den related videos schienen dann ab und an Videos des demokratischen virtuellen Mobs auf: da wurden dann etwa Behinderte vorgeführt – ja, da lacht der Mob! Wurde darauf eingegangen? Nein. cheap levitra

Ich könnte jetzt ewig weiter rummotzen. Aber: Lange Rede, kurzer Sinn: Sollte diese Veranstaltung nochmals staatfinden (wo auch immer): Nicht besuchen!

Wenn schon, denn schon: “Mutter Germania” sitzt an der Wurzel (1)

uden und Jüdinnen, so viel wird man sagen können, haben nie selbstverständlich zur deutschen Nation gehört.

Der Frauen der eigenen Nation fiel […] eine Sonderrolle zu. Aller männlich-wehrhaften Nationalrhetorik zum Trotz waren sie als ökonomische Basis des Haushalts, als Heirats- und Sexualpartnerinnen, als Gebärerinnen und Erzieherinnen der kommenden Generation unentbehrlich. Wie es dem Modell der bürgerlichen Geschlechterwelten entsprach, führte die Unverzichtbarkeit des weiblichen Geschlechts für die ideelle, materielle und physische Reproduktion der Nation zur Etablierung einer seperaten Sphäre weiblicher Zuständigkeit, die nur vordergründig im Bereich des Unpolitischen verblieb. Durch die Zuweisung öffentlicher Funktionen und national bedeutsamer Aufgaben unterlag das scheinbar Private einem kontinuierlichen Politisierungsprozess. Geschlechterpolitische Egalität und gleichberechtigte Partizipationschancen waren im System getrennter Geschlechtersphären nicht vorgesehen, aber dennoch tendierte weibliches Handeln unter nationalen Vorzeichen zu beständiger Grenzüberschreitung – nicht zuletzt deswegen, weil die Nation auf die Mitarbeit ihrer weiblichen Mitglieder nicht verzichten konnte und sich umgekehrt Frauen und Frauenvereinigungen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert immer wieder auf Nation und Vaterland berufen konnten, wenn es darum ging, politisches Engagement und öffentliches Auftreten zu legitimieren. Nationalismus war nicht der einzige, aber ein wichtiger Faktor bei der Politisierung des weiblichen Geschlechts. (Planert 2000: 24f)

Planert, Ute (2000): Nationalismus und weibliche Politik. Zur Einführung. In: Nation, Politik und Geschlecht. Frauenbewegungen und Nationalismus in der Moderne. Frankfurt/New York: Campus, S. 9-65.

Vom Schweigen der deutschen Geistesgrößen

Adorno vertrat bis zu seinem Tode die Haltung, die Gefahr der Wiederholung bestehe immer noch. Dabei betonte er immer wieder, dass es nicht nur um Antisemitismus gehe. Das nächste Mal könne es auch die Alten oder die Hässlichen treffen, oder die Rothaarigen. Nur durch Erziehung, die dazu befähige, das Besondere gegenüber dem Allgemeinen zu verteidigen, ließe sich diese Gefahr bannen:

Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf; die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen. (”Erziehung nach Auschwitz”, 1969)

Dass diese Kraft zum Nicht-Mitmachen noch nicht gegeben ist, nicht einmal in jenen Kreisen, die sich ansonsten aufgeklärt und antifaschistisch geben, zeigt der Band “Antisemitismus in der Medienkommunikation”, herausgegeben von Jörg Döring, Clemens Knobloch und Rolf Seubert (2004). Insbesondere Salomon Korns Beitrag zur Walser-Bubis-Debatte lässt Böses erahnen. Zwar ließen es sich die deutschen Geistesgrößen, die Intellektuellen und KünstlerInnen nicht nehmen, Bubis zustimmende Briefe zu schicken – doch als er sie fragte, ob er diese in Schirrmachers Dokumentation veröffentlichen dürfe, verneinten sie das. Und auch sonst standen sie nicht öffentlich zu Bubis. Mehr als private Briefe gab es nicht. Die Geistesgrößen richteten sich ganz offensichtlich nach der öffentlichen Meinung – und die war großteils pro Walser. Man wollte es sich nicht Versauen mit der öffentlichen Meinung.

Salomon Korn:

[…] das öffentliche Schweigen der deutschen Geistesgrößen oder auch der Politiker zu Walsers Sätzen war geradezu erschütternd für ihn. […] Als es um die Zusammenstellung der Dokumentation der Debatte ging, wurde ihm das besonders klar. Denn er hatte Briefe von ebendiesen Geistesgrößen und Politikern erhalten, in denen sich so mancher von ihnen [eigentlich die meisten, S. Korn] solidarisch mit Bubis erklärt hatte. Doch kein einziger wollte, dass sein zustimmender Brief an Bubis in der Dokumentation veröffentlicht wurde. Diese Zivilcourage wollte keiner zeigen. (S. 38)

Mit einem weiteren Beispiel unterstreicht Salomon Korn die fehlende Zivilcourage deutscher Intellektueller und deren Orientierung an den Mächtigen:

Die üblichen Verdächtigen haben sich gemeldet, als es darum ging, in Zürich gegen die ursprünglich dort geplante Flick-Collection zu protestieren. Da gibt es 22 Unterschriften – von Günter Grass, György Konrad bis Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta: alle Geistesgrößen, die sonst auch immer dabei sind, haben protestiert, solange die Sache im Ausland verhandelt wurde. Aber hier, als es darum ging, auch zu protestieren, sie aber gewärtigen mussten, dass der Bundeskanzler die Flick-Collection in Berlin haben wollte, hat sich kein einziger von ihnen mehr gemeldet. […] Diese Menschen werden für mich unglaubwürdig, zumindest zeigt sich ein Mangel an Mut und Zivilcourage, wenn sie beim selben Vorgang, weil er im Ausland stattfindet, bereit sind zu protestieren – weil es zuhause in Deutschland keine Folgen hat, Folgen für das ihne nahestehende Regierungslager – hier jedoch stillhalten, damit ihre Beziehungen zu Gerhard Schröder keinen Schaden nehmen: das ist schon enttäuschend.